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Unrühmliches Kapitel: Die späte Aufarbeitung des Olympia-Attentats von 1972

Unrühmliches Kapitel: Die späte Aufarbeitung des Olympia-Attentats von 1972

· Zuletzt bearbeitet: 6. Mai 2026 · 5 Min. Lesezeit

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Mehr als 50 Jahre nach dem Olympia-Attentat von 1972 in München beschäftigt sich eine internationale Forschungskommission mit einer umfassenden Aufarbeitung.

5 Min. Lesezeit

Mit dem Angriff der Terrorgruppe Hamas auf Zivilisten Anfang Oktober 2023 wird Israel ein weiteres, blutiges Kapitel aufgezwungen. Mindestens 1200 Menschen sollen getötet worden sein, bis zu 200 Geiseln sollen die Angreifer vom Staatsgebiet entführt haben. Der Schmerz und das Leid dieser Tage dürften sich einmal mehr ins kollektive Gedächtnis Israels einprägen.

Zu einem anderen Attentat hat jüngst die Aufarbeitung begonnen – nach mehr als 50 Jahren. In Deutschland sind die Bilder nach wie vor präsent: Bewaffnete Terroristen auf den Balkonen des Olympischen Dorfes. Der zerstörte Hubschrauber auf dem Flugplatz Fürstenfeldbruck. Die Olympischen Spiele 1972 in München sollten ein Fest des Friedens werden und bleiben als Massaker in Erinnerung.

Obwohl der Anschlag eine Zäsur in vielerlei Hinsicht gewesen ist, blieb eine umfassende wissenschaftliche Aufarbeitung bislang aus. 51 Jahre nach dem Attentat soll sich das ändern: Die Bundesregierung hat jetzt ein internationales, achtköpfiges Forschungsteam beauftragt, sich mit der Vorgeschichte, dem Ablauf des Olympia-Attentats und den Folgen zu beschäftigen. Mit den Erkenntnissen, die über die drei Jahre der Projektlaufzeit gewonnen werden, solle ein „ehrlicher und faktenbasierter Umgang“ rund um den Anschlag 1972 ermöglicht werden, sagte Juliane Seifert, Staatssekretärin des Bundesinnenministeriums, bei einer Pressekonferenz im September in München am Münchener Institut für Zeitgeschichte (IfZ).

Shlomo Shpiro, Christopher Young , Andreas Wirsching (IfZ), Juliane Seifert (Staatssekretärin) sitzen an einem Tisch zur Pressekonferenz zum Olympia-Attentat 1972.
Ein achtköpfiges Forschungsteam arbeitet im Auftrag des Bundesinnenministeriums die Geschehnisse rund um das Olympia-Attentat von 1972 in München auf. V.l.: Shlomo Shpiro, Christopher Young , Andreas Wirsching (IfZ), Juliane Seifert (Staatssekretärin).

Bei dem Olympia-Attentat 1972 starben unter anderem elf Mitglieder der israelischen Vertretung. Es habe zwar davor und danach größere, schrecklichere Attentate auf Israelis gegeben, sagt Prof. Dr. Shlomo Shpiro von der Bar-Ilan-Universität in Tel Aviv, Mitglied der Kommission. Dennoch habe das Massaker einen besonderen Platz in der israelischen Erinnerungskultur. „München war eine Tragödie, ein Desaster mit gesellschaftlichem Ausmaß“, sagt Shpiro und sieht zwei ausschlaggebende Aspekte:

  • Die Opfer: „Das waren die besten und bekanntesten Sportler Israels“, sagt Shpiro. Sie seien Vorbilder, Idole gewesen. Umso schwerer habe ihre Ermordung durch palästinensische Terroristen und das Versagen der deutschen Sicherheitsbehörden gewogen: „Jeder hatte das Gefühl, betroffen zu ein.“ David Berger Ze’ev Friedman Yossef Gutfreund Eliezer Halfin Yossef Romano Kehat Schor Amitzur Shapira Mark Slavin Andrei Spitzer Yakov Springer Moshe Muni Weinberg Anton Fliegerbauer
  • David Berger
  • Ze’ev Friedman
  • Yossef Gutfreund
  • Eliezer Halfin
  • Yossef Romano
  • Kehat Schor
  • Amitzur Shapira
  • Mark Slavin
  • Andrei Spitzer
  • Yakov Springer
  • Moshe Muni Weinberg
  • Anton Fliegerbauer
  • Der Tatort: Der unmessbare Schrecken der Shoa prägt die israelische Identität bis heute. Dass 25 Jahre nach diesem Genozid erneut Juden auf deutschem Boden ermordet wurden, sei ein „tiefer Schock gewesen“, sagt Shpiro: „Man dachte, es wären Spiele des Friedens; in Deutschland wäre alles in Ordnung und friedlich.“ Genau dieses Signal wollte Deutschland mit den Olympischen Spielen 1972 aussenden, nachdem die Nazis die Veranstaltung 1936 für ihre Propaganda missbraucht hatten. Shpiro erinnert sich noch gut an die Eröffnungsfeier und die Hoffnung auf Medaillen und Erfolge, die dann verpuffte.

Umfassende Auswertung

Christopher Young sitzt am Tisch.
Christopher Young.

Zwar hat es zum Olympia-Attentat von 1972 bereits viel Forschung gegeben, sagt Prof. Dr. Christopher Young. Er ist Professor für Germanistik an der Universität Cambridge und Co-Autor des Buches „München 1972: Olympische Spiele im Zeichen des modernen Deutschland“. „Sie sind zu den meist studierten Olympischen Spielen avanciert“, sagt er. Die Kommission wolle nun eine systematische und umfassende Auswertung dieser Erkenntnisse vornehmen, sie gegebenenfalls ergänzen, korrigieren oder neue Kontexte hinzufügen.

Denn längst sind noch nicht alle Fragen geklärt. Young führt ein paar Beispiele auf, denen sie auch die Kommission widmen will:

  • Wie lief der nachrichtendienstliche Austausch im Vorfeld der Olympischen Spiele?
  • Welche Informationen hatten die Nachrichtendienste?
  • Wie kompetent wurden sie bearbeitet?
  • Was sind die Hintergründe der acht Täter?
  • Welche Rolle hat die Unterstützung durch westdeutsche Rechtsextremisten gespielt?
  • Was sind die Details der Flugzeugentführung?

Unbequeme Fragen

Shlomo Shpiro sitzt am Tisch und hebt die rechte Hand.
Shlomo Shpiro.

Für Shpiro ist nach den bisher vorhandenen Erkenntnissen klar, dass auf allen Seiten Fehler gemacht worden seien. „Wir brauchen eine breitere Sichtweise auf die Geschehnisse“, sagt er daher. Deshalb sei es jetzt an der Zeit, die unbequemen Fragen anzugehen. Auch Archive in Frankreich, Italien oder Israel will die Kommission dafür betrachten.

Zum Forschungsgegenstand zähle indes auch die Meta-Ebene. „Wir wollen gucken, wie das Attentat die Außenpolitik beeinflusst hat“, erklärt Young. Dazu zählten etwa die deutschen Beziehungen zu den arabischen Ländern, die damals gerade wieder aufgenommen worden waren, oder die (Nicht-)Anerkennung Palästinas als eigenständiger Staat. Auch die Prägung der olympischen Denkmuster und Sicherheitskonzepte könne untersucht werden – erst 2021 hatte es eine Schweigeminute für die Opfer gegeben.

Deutschlands unrühmlicher Umgang

Ein anderer Punkt betrifft den unrühmlichen Umgang Deutschlands mit dem Olympia-Attentat von 1972: Fast 50 Jahre lang mussten die Hinterbliebenen der Opfer auf eine Entschädigung durch die Bundesrepublik warten; im Vorjahr hat das Innenministerium nun 28 Millionen Euro zur Verfügung gestellt und in Verbindung mit einer Entschuldigung die Aufarbeitung versprochen. „Es verdient eine eigene gesellschaftliche Analyse, die Beharrlichkeit der Hinterbliebenen darzustellen“, sagt Young.

Entscheidend für die angekündigte umfassende Aufarbeitung wird indes der Quellenzugang. „Die Bestände sind teils noch immer gesperrt“, gibt Prof. Dr. Andreas Wirsching, Direktor des Instituts für Zeitgeschichte, zu bedenken. Er spricht daher von einer zentralen Aufgabe, für die entsprechenden Dokumente eine Deklassifizierung zu erhalten oder Schutzfristen von bis zu 80 Jahren zu verkürzen; das Bundesinnenministerium habe hier volle Unterstützung zugesichert und auch mit den bayerischen Behörden liefen gute Gespräche. Der bisherige Umgang hier habe bei den Hinterbliebenen „viele Dissonanzen erzeugt“. Auch diese Erfahrungsgeschichte wolle die Kommission sichtbar machen:

Noch immer würden Angehörige nicht alle Einzelheiten der Obduktionsberichte kennen. Shpiro sprach außerdem von Asservaten wie Armbanduhren und Eheringen, die noch immer nicht zurück bei den Angehörigen seien. „Das sind ganz profane Sachen und es wird einfach kein Zugang gewährt“, wundert er sich.

Der Bericht der Forscher:innen könne neben einem Fazit des Gesamtprojekts auch Folgeprojekte anstoßen oder Handlungsempfehlungen geben.

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